Wieso sich Parteien den Twitterwahlkampf sparen sollten

Wieso sich Parteien den Twitterwahlkampf sparen sollten

Typisch deutsch. Der Wahlkampf, der diese Tage für die Bundestagswahl stattfindet lässt einen Medienwissenschaftler die Nackenhaare aufstellen. An einfallslose Plakate hat man sich schon gewöhnt. Was dieses Jahr neu ist: Die Internetgeneration (Generation „Yeaahh“?) muss nun ebenfalls angesprochen werden. Und da wird das Dilletantentum konsequent auf die neuen digitalen Medien ausgeweitet.
Die Ziele sind nicht zu übersehen: Den Wähler um jeden Preis mit der eigenen politischen Ansicht zubomben und dabei im Subtext die Aufforderung zur Stimmenabgabe für die eigene Partei mitschwingen lassen. Wenn es denn der Subtext wäre!

Die JuLis auf twitter

Die SPD Hannover auf twitter

Von einer subtilen Kommunikationsstrategie kann hier nicht die Rede sein. Platte und propagandistische Aussagen wie aus diesen Beispielen finden sich in allen deutschen politischen Twitteraccounts. Sie sind plump und dogmatisch. Eine Selbstreflektion findet kaum statt und die Glaubwürdigkeit bleibt auf der Strecke.

Dass diese „Strategie“ nicht wirkt, ist naheliegend und lässt sich mit der sozialpsychologischen Theorie des Minoritäteneinfluss erklären. Die Theorie besagt, dass eine Minderheit die Mehrheit von ihrer Meinung durchaus überzeugen kann. Aber nur, wenn die Aussagen konsistent aber nicht dogmatisch sind. Die Theorie besagt aber auch, dass ein Individuum keine Mehrheit beeinflussen kann. Auch nicht durch Konsistenz.

Betrachtet man die Konstellation Partei, Parteianhänger und Rezipienten, dann sollte das Konzept lauten: Die Partei kommuniziert gemeinsam mit den Anhängern (Minorität) die Botschaften an die Rezipienten (Majorität). Konsistent und nicht dogmatisch. Aber gerade letzteres ist nicht der Fall. Schaut man sich die o.a. Beispiele aus twitter an, so ist ein gewisser blinder Dogmatismus nicht zu verkennen. Stichwort Glaubwürdigkeit und Selbstreflektion. Die Partei würde nie öffentlich zugeben, dass Frank-Walter Steinmeier im Kanzlerduell einen schlechten Auftritt hatte – auch nicht durch die Blumen. Doch genau das würde sie von ihrer dogmatischen Linie abbringen.

Gerade Twitter verleitet dazu, Nachrichten unüberlegt und schnell in die Welt zu posaunen. Das Konzept im derzeitigen Wahlkampf lautet leider „viel hilft viel“. Deshalb wird bei jeder Gelegenheit ein „wähl mich!“ heraus posaunt und das führt nur zu noch mehr Politikverdrossenheit und keinesfalls zur Überzeugung unentschlossener Wähler.

Nur, weil twitter so schön einfach zu bedienen ist, sollte hier auf ein schlüssiges Kommunikationskonzept nicht verzichtet werden. Hier gibt es in Deutschland noch sehr viel zu tun.

Der Autor:

Hannes Mehring

Tags: Kreation, neues Crossmedia, Web 3.0

Hannes ist Gründer der Agentur frischr und Initiator der Schmiede. Sein Antrieb war die kritische Reflexion der Social Media Welt und die Entwicklung von Methoden für die Anwendung von Social Media in Unternehmen. Die Weiterentwicklung klassischer Medien durch Social Media ist einer seiner Interessenschwerpunkte, die er in diesem Blog häufiger zum Thema macht.

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